Maschinelles Lernen lernen: Ein CRETA-Hackatorial zur reflektierten automatischen Textanalyse

workshop / tutorial
Authorship
  1. 1. Gerhard Kremer

    Institut für Architektur von Anwendungssystemen, Universität Stuttgart

  2. 2. Kerstin Jung

    Institut für Architektur von Anwendungssystemen, Universität Stuttgart

Work text
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Einleitung
Das Ziel dieses Tutorials ist es, den Teilnehmenden konkrete und praktische Einblicke in einen Standardfall automatischer Textanalyse zu geben. Am Beispiel der automatischen Erkennung von Entitätenreferenzen gehen wir auf allgemeine Annahmen, Verfahrensweisen und methodische Standards bei maschinellen Lernverfahren ein. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer können beim Bearbeiten von lauffähigem Programmiercode den Entscheidungsraum solcher Verfahren ausleuchten und austesten. Es werden dabei keinerlei Vorkenntnisse zu maschinellem Lernen oder Programmierkenntnisse vorausgesetzt.
Es gibt keinen Grund, den Ergebnissen von maschinellen Lernverfahren im Allgemeinen und NLP-Tools im Besonderen blind zu vertrauen. Durch die konkreten Einblicke in den "Maschinenraum" von maschinellen Lernverfahren wird den Teilnehmenden ermöglicht, das Potenzial und die Grenzen statistischer Textanalysewerkzeuge realistischer einzuschätzen. Mittelfristig hoffen wir dadurch, den immer wieder auftretenden Frustrationen beim Einsatz automatischer Verfahren für die Textanalyse und deren teilweise wenig zufriedenstellender Ergebnis-Daten zu begegnen, aber auch die Nutzung und Interpretation der Ergebnisse von maschinellen Lernverfahren (d.h. in erster Linie von automatisch erzeugten Annotationen) zu fördern. Zu deren adäquater Nutzung, etwa in hermeneutischen Interpretationsschritten, ist der Einblick in die Funktionsweise der maschinellen Methoden unerlässlich. Insbesondere ist die Art und Herkunft der Trainingsdaten für die Qualität der maschinell produzierten Daten von Bedeutung, wie wir im Tutorial deutlich machen werden.
Neben einem Python-Programm für die automatische Annotierung von Entitätenreferenzen, mit und an dem während des Tutorials gearbeitet werden wird, stellen wir ein heterogenes, manuell annotiertes Korpus sowie die Routinen zur Evaluation und zum Vergleich von Annotationen zu Verfügung. Das Korpus enthält Entitätenreferenzen, die im "Center for Reflected Text Analytics" (CRETA) annotiert wurden, und deckt Texte verschiedener Disziplinen und Sprachstufen ab.

Entitätenreferenzen

Als empirisches Phänomen befassen wir uns mit dem Konzept der Entität und ihrer Referenz. Das Konzept steht für verschiedene linguistische und semantische Kategorien, die im Rahmen der Digital Humanities von Interesse sind. Es ist bewusst weit gefasst und damit anschlussfähig für verschiedene Forschungsfragen aus den geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Auf diese Weise können unterschiedliche Perspektiven auf Entitäten berücksichtigt werden. Insgesamt werden in den ausgewählten Texten fünf verschiedene Entitätenklassen betrachtet: PER (Personen/Figuren), LOC (Orte), ORG (Organisationen), EVT (Ereignisse) und WRK (Werke).
Unter Entitätenreferenzen verstehen wir Ausdrücke, die auf eine Entität in der realen oder fiktiven Welt referieren. Das sind zum einen Eigennamen (Named Entities, z.B. "Peter"), zum anderen Gattungsnamen (z.B. "der Bauer"), sofern diese sich auf eine konkrete Instanz der Gattung beziehen. Dabei wird als Referenzausdruck immer die maximale Nominalphrase (inkl. Artikel, Attribut) annotiert. Pronominale Entitätenreferenzen werden hingegen nicht annotiert.
In
literarischen Texten sind vor allem Figuren und Räume als grundlegende Kategorien der erzählten Welt von Interesse. Über die Annotation von Figurenreferenzen können u.a. Figurenkonstellationen und -relationen betrachtbar gemacht sowie Fragen zur Figurencharakterisierung oder Handlungsstruktur angeschlossen werden. Spätestens seit dem
spatial turn rückt auch der Raum als relevante Entität der erzählten Welt in den Fokus. Als "semantischer Raum" (Lotmann, 1972) übernimmt er eine strukturierende Funktion und steht in Wechselwirkung mit Aspekten der Figur.

In den
Sozialwissenschaften sind politische Parteien und internationale Organisationen seit jeher zentrale Analyseobjekte der empirischen Sozialforschung. Die Annotation der Entitäten der Klassen ORG, PER und LOC in größeren Textkorpora ermöglicht vielfältige Anschlussuntersuchungen, unter anderem zur Sichtbarkeit oder Bewertung bestimmter Instanzen, beispielsweise der Europäischen Union.

Textkorpus

Die Grundlage für (überwachte) maschinelle Lernverfahren bilden Annotationen. Um die Annotierung von Entitätenreferenzen automatisieren zu können, bedarf es Textdaten, die die Vielfalt des Entitätenkonzepts abdecken. Bei diesem Tutorial werden wir auf Annotationen zurückgreifen, die im Rahmen von CRETA an der Universität Stuttgart entstanden sind (vgl. Blessing et al., 2017; Reiter et al., 2017a). Das Korpus enthält literarische Texte aus zwei Sprachstufen des Deutschen (Neuhochdeutsch und Mittelhochdeutsch) sowie ein sozialwissenschaftliches Teilkorpus.

Der
Parzival
Wolframs von Eschenbach ist ein arthurischer Gralroman in mittelhochdeutscher Sprache, entstanden zwischen 1200 und 1210. Der
Parzival zeichnet sich u.a. durch sein enormes Figureninventar und seine komplexen genealogischen Strukturen aus, wodurch er für Analysen zu Figurenrelationen von besonderem Interesse ist. Der Text ist in 16 Bücher unterteilt und umfasst knapp 25.0000 Verse.

Johann Wolfgang von Goethes
Die Leiden des jungen Werthers ist ein Briefroman aus dem Jahr 1774. Unsere Annotationen sind an einer überarbeiteten Fassung von 1787 vorgenommen und umfassen die einleitenden Worte des fiktiven Herausgebers sowie die ersten Briefe von Werther an seinen Freund Wilhelm.

Das
Plenardebattenkorpus des deutschen Bundestages besteht aus den von Stenografinnen und Stenografen protokollierten Plenardebatten des Bundestages und umfasst 1.226 Sitzungen zwischen 1996 und 2015. Unsere Annotationen beschränken sich auf Auszüge aus insgesamt vier Plenarprotokollen, die inhaltlich Debatten über die Europäische Union behandeln. Hierbei wurde pro Protokoll jeweils die gesamte Rede eines Politikers bzw. einer Politikerin annotiert.

Ablauf

Der Ablauf des Tutorials orientiert sich an sog.
shared tasks aus der Computerlinguistik (s. a. Willand et al., 2019 zu dieser Form in den DH), wobei der Aspekt des Wettbewerbs im Tutorial vor allem spielerischen Charakter hat. Bei einem traditionellen
shared task arbeiten die teilnehmenden Teams, oft auf Basis gleicher Daten, an Lösungen für eine einzelne gestellte Aufgabe. Solch eine definierte Aufgabe kann z.B.
part of speech-tagging sein. Durch eine zeitgleiche Evaluation auf demselben Goldstandard können die entwickelten Systeme direkt verglichen werden. In unserem Tutorial setzen wir dieses Konzept live und vor Ort um.

Zunächst diskutieren wir kurz die zugrundeliegenden Texte und deren Annotierung. Annotationsrichtlinien werden den Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Vorfeld zur Verfügung gestellt. Im Rahmen der Einführung wird auch auf die konkrete Organisation der Annotationsarbeit eingegangen, so dass das Tutorial als Blaupause für zukünftige Tätigkeiten der Teilnehmenden in diesem und ähnlichen Arbeitsfeldern dienen kann.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer versuchen selbständig und unabhängig voneinander, eine Kombination aus maschinellen Lernverfahren, Merkmalsmenge und Parametersetzungen zu finden, die auf einem neuen, vom automatischen Lernverfahren ungesehenen Datensatz zu den Ergebnissen führt, die dem Goldstandard der manuellen Annotation am Ähnlichsten sind. Das bedeutet konkret, dass der Einfluss von berücksichtigten Features (z.B. Groß- und Kleinschreibung oder Wortlänge) auf die Erkennung von Entitätenreferenzen empirisch getestet werden kann. Dabei sind Intuitionen über die Daten und das annotierte Phänomen hilfreich, da simplem Durchprobieren aller möglichen Kombinationen („brute force“) zeitlich Grenzen gesetzt sind.Zusätzlich werden bei jedem Testlauf Informationen über die Entscheidungen protokolliert, um die Erklärbarkeit der Ergebnisse zu unterstützen.
Wir verzichten bewusst auf eine graphische Benutzerschnittstelle (vgl. Reiter et al., 2017b) – stattdessen editieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das (Python)-Programm direkt, nach einer Einführung und unter Anleitung. Vorkenntnisse in Python sind dabei nicht nötig: Das von uns zur Verfügung gestellte Programm ist so aufgebaut, dass auch Python-Neulinge relativ schnell die zu bearbeitenden Teile davon verstehen und damit experimentieren können. Wer bereits Erfahrung im Python-Programmieren hat, kann fortgeschrittene Funktionalitäten des Programms verwenden.
Wie am Ende jedes maschinellen Lernprozesses wird auch bei uns abschließend eine Evaluation der automatisch generierten Annotationen durchgeführt. Hierfür werden den Teilnehmerinnen und Teilnehmern nach Ablauf einer begrenzten Zeit des Experimentierens und Testens (etwa 60 Minuten) die finalen, vorher unbekannten Testdaten zur Verfügung gestellt. Auf diese Daten werden die erstellten Modelle angewendet, um automatisch Annotationen zu erzeugen. Diese wiederum werden dann mit dem Goldstandard verglichen, wobei die verschiedenen Entitätenklassen sowie Teilkorpora getrennt evaluiert werden. Auch das Programm zur Evaluation stellen wir bereit.

Lernziele

Am hier verwendeten Beispiel der automatischen Annotation von Entitätenreferenzen demonstrieren wir, welche Schritte für die Automatisierung einer Textanalyseaufgabe mittels maschinellen Lernverfahren nötig sind und wie diese konkret implementiert werden können. Die Teilnehmenden des Workshops bekommen einen zusammenhängenden Überblick von der manuellen Annotation ausgewählter Texte über die Feinjustierung der Lernverfahren bis zur Evaluation der Ergebnisse. Die vorgestellte Vorgehensweise für den gesamten Ablauf ist grundsätzlich auf ähnliche Projekte übertragbar.
Das Tutorial schärft dabei das Verständnis für den Zusammenhang zwischen untersuchtem Konzept und den dafür relevanten Features, die in ein statistisches Lernverfahren einfließen. Durch Einblick in die technische Umsetzung bekommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Verständnis für die Grenzen und Möglichkeiten der Automatisierung, das sie dazu befähigt, zum einen das Potenzial solcher Verfahren für eigene Vorhaben realistisch(er) einschätzen zu können, zum anderen aber auch Ergebnisse, die auf Basis solcher Verfahren erzielt wurden, angemessen hinterfragen und deuten zu können.

Abgrenzung zur Einreichung
„Vom Phänomen zur Analyse – ein CRETA-Workshop zur reflektierten Operationalisierung in den DH“

Neben diesem CRETA-Hackatorial befindet sich noch ein weiterer Workshop des Stuttgarter DH-Zentrums CRETA in Begutachtung. Auch wenn es eine gewisse Schnittmenge zwischen den Workshops gibt (Textgrundlagen, Anwendungsfälle), ist die jeweilige Zielsetzung grundsätzlich verschieden: Während es beim hier vorgestellten CRETA-Hackatorial um Verfahren des Maschinellen Lernens geht, konzentriert sich der parallel ausgearbeitete CRETA-Workshop auf den grundlegenderen Schritt der Operationalisierung – es geht also darum, Ansätze aufzuzeigen, wie ein Untersuchungsvorhaben oder theoretisches Konzept überhaupt für die computergestützte Analyse “vor- bzw. aufbereitet” werden kann. Beide Workshops ergänzen einander sinnvoll, was die Teilnahme an beiden oder an nur einem der Workshops möglich macht.

Anhang

Zeitplan (Dauer in Minuten, ca.)
Im Vorfeld der Veranstaltung: Installationsanweisungen und Support

(10) Lecture

Intro & Ablauf

(15) Hands-On

Test der Installation bei allen

(50) Lecture

Einführung in Korpus und Annotationen
Grundlagen maschinellen Lernens
Überblick über das Skript (where can you edit what?)

Grundlagen Python Syntax
Bereitgestellte Features

(15) Hands-On

Erste Schritte

(30) Kaffeepause
(60) Hands-On

Hack

(30) Evaluation

Beitragende (Kontaktdaten und Forschungsinteressen)
Der Workshop wird ausgerichtet von Mitarbeitenden des "Center for Reflected Text Analytics" (CRETA) an der Universität Stuttgart. CRETA verbindet Literaturwissenschaft, Linguistik, Philosophie und Sozialwissenschaft mit Maschineller Sprachverarbeitung und Visualisierung. Hauptaufgabe von CRETA ist die Entwicklung reflektierter Methoden zur Textanalyse, wobei wir Methoden als Gesamtpaket aus konzeptuellem Rahmen, Annahmen, technischer Implementierung und Interpretationsanleitung verstehen. Methoden sollen also keine "black box" sein, sondern auch für Nicht-Technikerinnen und -Techniker so transparent sein, dass ihr reflektierter Einsatz im Hinblick auf geistes- und sozialwissenschaftliche Fragestellungen möglich wird.

Gerhard Kremer
gerhard.kremer@ims.uni-stuttgart.de
Institut für Maschinelle Sprachverarbeitung
Pfaffenwaldring 5b
70569 Stuttgart

Der Interessenschwerpunkt Gerhard Kremers ist der reflektierte Einsatz von Werkzeugen der Computerlinguistik für geistes- und sozialwissenschaftliche Fragestellungen. Damit zusammenhängend gehören die Entwicklung übertragbarer Arbeitsmethoden und die angepasste, nutzerfreundliche Bedienbarkeit automatischer linguistischer Analysetools zu seinen Forschungsthemen.

Kerstin Jung
kerstin.jung@ims.uni-stuttgart.de
Institut für Maschinelle Sprachverarbeitung
Pfaffenwaldring 5b
70569 Stuttgart

Kerstin Jungs Forschungsinteressen liegen im Bereich der Nachhaltigkeit von (computer)linguistischen Ressourcen und Abläufen sowie der Verlässlichkeitsbeschreibung von automatisch erzeugten Annotationen. Dabei verfolgt sie einen aufgabenbasierten Ansatz und arbeitet an der Schnittstelle zwischen Computerlinguistik und anderen sprach- und textverarbeitenden Disziplinen.

Zahl der möglichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Zwischen 15 und 25.

Benötigte technische Ausstattung

Es wird außer einem Beamer und ausreichend Stromanschlüssen für die Laptops der Teilnehmenden keine besondere technische Ausstattung benötigt. Es sollte sich um einen Raum handeln, in dem genügend Platz ist, durch die Reihen zu gehen und den Teilnehmenden über die Schulter zu blicken.

www.creta.uni-stuttgart.de

Aus urheberrechtlichen Gründen wird das Tutorial ohne das Teilkorpus zu Adornos ästhetischer Theorie stattfinden, das in den Publikationen erwähnt wird.
Die Texte wurden im Rahmen des PolMine-Projekts verfügbar gemacht: http://polmine.sowi.uni-due.de/polmine/

Bibliographie

Blessing, André / Echelmeyer, Nora / John, Markus / Reiter, Nils (2017): "An end-to-end environment for research question-driven entity extraction and network analysis" in
Proceedings of the Joint SIGHUM Workshop on Computational Linguistics for Cultural Heritage, Social Sciences, Humanities and Literature, Vancouver.

Kuhn, Jonas / Reiter, Nils (2015): "A Plea for a Method-Driven Agenda in the Digital Humanities" in:
Digital Humanities 2015: Conference Abstracts, Sydney.

Lotman, Juri (1972):
Die Struktur literarischer Texte, München.

Reiter, Nils / Blessing, André / Echelmeyer, Nora / Koch, Steffen / Kremer, Gerhard / Murr, Sandra / Overbeck, Maximilian / Pichler, Axel (2017a): "CUTE: CRETA Unshared Task zu Entitätenreferenzen" in
Konferenzabstracts DHd2017, Bern.

Reiter, Nils / Kuhn, Jonas / Willand, Marcus (2017b): "To GUI or not to GUI?" in
Proceedings of INFORMATIK 2017, Chemnitz.

Willand, Marcus / Gius, Evelyn / Reiter, Nils (2019): “Ein neues Format für die Digital Humanities: Shared Tasks. Zur Annotation narrativer Ebenen.” in
Abstracts of DHd: multimedial und multimodal, Frankfurt.

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Conference Info

Incomplete

DHd - 2020
"Digital Humanities zwischen Modellierung und Interpretation"

Hosted at Universität Paderborn

Paderborn, Germany

March 2, 2020 - March 6, 2020

130 works by 320 authors indexed

Conference website: https://zenodo.org/record/3666690

Contributors: Patrick Helling, Harald Lordick, R. Borges, & Scott Weingart.

Series: DHd (7)

Organizers: DHd