Zukünftiger Teil eines Fachinformationsdienstes: Eine Datenbank zur Fachgeschichte der deutschsprachigen Musikwissenschaft zwischen ca. 1810 und ca. 1990, projektiert am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik, Frankfurt am Main

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Authorship
  1. 1. Annette van Dyck-Hemming

    Max Planck-Institut für empirische Ästhetik

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Die Musikwissenschaft unter dem Namen ‚Musikwissenschaft‘ ist eine relativ junge Disziplin an den Universitäten: erst ab den zwanziger Jahren des 19. Jh. wurden ihr Lehrstühle zugestanden und nicht vor den 1880er Jahren Institute gegründet. Sie erlebte einen großen Aufschwung nach der Jahrhundertwende und ließ sich in weiten Teilen instrumentalisieren im Nationalsozialismus. Wie andere Disziplinen hat auch die Musikwissenschaft lange gebraucht, um sich die Selbstverständlichkeit fachgeschichtlicher Selbstreflexion zuzugestehen (Gerhard 2000). Seit den 1990er Jahren jedoch wachsen Forschungsinteresse und -output sehr deutlich an.
Davon inspiriert wurde 2014 am neu gegründeten Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main ein Projekt konzipiert und etabliert, das zum Einen die Pflege eines aktuellen Forschungsnetzwerkes zum Thema ‚Fachgeschichte in der Musikwissenschaft‘, zweitens die Förderung von Einzelstudien und drittens die Bereitstellung von Quellen und Forschungsergebnissen vorsieht. Als vierter Teil des Projektes ist geplant, mit der in der Musikwissenschaft relativ neu erarbeiteten Basis fachhistorischer Daten und vor dem Hintergrund der neueren und älteren soziologischen Netzwerkforschung die Daten von fachgeschichtlich in Erscheinung getretenen Personen und Institutionen (Universitäten, Akademien, Vereine, Verlage etc.) zu sammeln und miteinander sowie zu Art und Menge der mit diesen Daten zusammenhängenden Veröffentlichungen in Beziehung setzen (van Dyck-Hemming/ Wald-Fuhrmann 2016).
Das Projekt dient der unumkehrbaren Verankerung historiographischer Reflexion in der Musikwissenschaft und so der Erweiterung und Verwissenschaftlichung musikologischer Zugänge. Im Sinne von Ludwik Fleck (1935) und Thomas Kuhn (1967), die vom notwendigen Zusammenhang zwischen dem Inhalt einer Wissenschaft und ihren historischen Erkenntnisprozessen ausgingen, soll die musikhistoriographische Datenbank kein Leistungsindex und keine Ahnentafel der Musikwissenschaft werden, sondern eine valide und nachprüfbare Datenbasis zusammenstellen, die präzise Darstellungen von Prozessen, Netzwerken und Verteilungen ermöglicht.
Mittels der sich Standards und Normdaten zunutze machenden, relationalen Datenbank werden Thesen generiert werden können unter anderem in Bezug auf Fragen nach der Existenz und Art von Personennetzwerken in der Musikwissenschaft, nach Kontinuitäten oder Veränderungen musikwissenschaftlicher Forschungspräferenzen, nach Abhängigkeiten zwischen zeitgeschichtlichen Veränderungen und der Institutionalisierung einer neuartigen Wissensdisziplin. Die Ergebnisse sollen anschaulich visualisiert und dazu auch in Zeit und (historischen) Raum dimensioniert werden. Besonderer Wert wird gelegt auf technisch niedrigschwellige Benutzeroberflächen der schließlich öffentlich zugänglichen Datenbank bei gleichzeitig hohem Anspruch an Transparenz und Überprüfbarkeit von Quellen und Verfahren. Teil des Konzepts ist auch, dass die weitere Befüllung durch Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler unter redaktioneller Moderation erfolgen kann.
Als natürliche Partner dieses Projektes haben sich Bibliotheken erwiesen: Durch mit der institutseigenen Bibliothek und den Verfahren der Deutschen Nationalbibliothek abgestimmte Workflows wird sichergestellt, dass die mit fachgeschichtlichem Filter gewählten Personen und Institutionen Bestandteile der Gemeinsamen Normdatei sind; gegebenenfalls werden als Ergebnis unserer Recherchen GND-Datensätze korrigiert, ergänzt oder erstellt.
Über die GND hinausgehende Informationen wie Relationen und Beziehungsbeschreibungen etc. nimmt unsere Datenbank außerdem auf. Alle Datensätze werden auf die Quellen rückführbar sein; bislang in Form bibliographischer Nachweise.
Forschungspräferenzen sollen hauptsächlich über die Auswertung der Schlagworte und Klassifikationen von musikwissenschaftlichen Publikationen erfasst werden. Diese Bibliotheksdaten stellt uns die Musikabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) zur Verfügung. Mit ihr werden das Datenmodell sowie technische Voraussetzungen und Entscheidungen abgestimmt und hinsichtlich der Realisierung auf allen Ebenen kooperiert: Die BSB führte seit Jahrzehnten den Sammelschwerpunkt Musikwissenschaft, besitzt umfassende und intersubjektiv abgesicherte Kompetenz in der Formal- und Inhaltserschließung von Publikationsdatensätzen und hat in diesem Rahmen auch bereits Vorarbeiten zu einer Ontologie der Musikwissenschaft geleistet, an die wir uns anschließen wollen. Für die Fachöffentlichkeit stellt die BSB seit einigen Jahren das Webportal und die Infrastruktur ‚Fachinformationsdienst Musik‘ (
https://www.vifamusik.de) zur Verfügung. In diesem Rahmen soll auch die Datenbank zur Fachgeschichte der Musikwissenschaft implementiert und insgesamt oder in Teilen von der BSB gehostet werden. Ähnlich dem Suchportal BSB opac plus – eine Eigenentwicklung der BSB (
https://opacplus.bsb-muenchen.de/) – könnte die fachgeschichtliche Datenbank funktionieren – mit erweiterten Funktionen und sinnvollen Visualisierungsmöglichkeiten. Und wie im Fall eines Bibliothekssuchportals wird die Perspektive auf weitere Anwendungen außerhalb der Musikwissenschaft berücksichtigt.

Das Projekt am MPIEA ist mit einer WissMA-Stelle für 10 Jahre sowie Hilfskraft-Stellen ausgestattet; geleitet wird es aber von der unbefristet eingesetzten Direktorin der Abteilung Musik. Nachhaltige öffentliche Verfügbarkeit des in 10 Jahren zu erarbeitenden Datenbestandes verspricht darüber hinaus das Einpflegen von Teilen der DB in die Gemeinsame Normdatei, die präventive Kooperation mit der Bayerischen Staatsbibliothek als mindestens ebenso langfristig ausgerichteter und in nachhaltiger Datenpflege erfahrene Institution und die Implementierung des Webzugangs im Rahmen eines Fachinformationsdienstes. Über die Fertigstellung hinausreichende Datenaktualität und beständige Erweiterung des Datenbestandes erwarten wir uns von der Bereitstellung eines Zugangs für registrierte Musikwissenschaft Treibende.
Projektleitung: Dr. Melanie Wald-Fuhrmann (Direktorin Abteilung Musik),
Projektkoordination: Dr. Annette van Dyck-Hemming (wiss. MA)

Bibliographie

Gerhard, Anselm (ed.) (2000):
Musikwissenschaft – eine verspätete Disziplin.
Stuttgart.

van Dyck-Hemming, Annette / Wald-Fuhrmann Melanie (2016):
„Vom Datum zum historischen Zusammenhang. Möglichkeiten und Grenzen einer fachgeschichtlichen Datenbank“,
in: Bolz, Sebastian / Kelber, Moritz / Knoth, Ina / Langenbruch, Anna (eds.):
Wissenskulturen der Musikwissenschaft. Generationen – Netzwerke – Denkstrukturen.
Bielefeld: transcript 261-278.

Fleck, Ludwik (2015):
Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache: Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv.
Frankfurt am Main 10. Auflage [Basel 1935].

Kuhn, Thomas S. (2014):
Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen.
Frankfurt am Main 24. Auflage.

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