Historische Begriffe der Erziehungswissen-schaft - Erzeugung einer Ontologie

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  1. 1. Lars Müller

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Historische Begriffe der entstehenden Erziehungswissenschaft sollen als
maschinenlesbare Terminologie für digitale historische Bildungsforschung
bereitgestellt werden. Bibliografische Titelaufnahmen von Lemmata aus 24
historischen erziehungswissenschaftlichen Nachschlagewerken (1774 – 1942) werden
hierfür in eine Ontologie transformiert (Abbildung 1). Die Lexikonbeiträge
dokumentieren Herausbildung und Wandel erziehungswissenschaftlicher Fachsprache und
Gegenstände. Christian Ritzi (2003: 114) zeigte anhand der „Prügelstrafe“, wie diese
"in pädagogischen Nachschlagewerken als pädagogisches Problem im Sinne einer
'Kodifizierung des Wissens' in das System des ausgebreiteten pädagogischen Wissens
integriert" wurde. Das Beispiel illustriert das Potential, das für die Forschung in
einem integrierten, semantisch modellierten, historischen Vokabular liegt. Im
Fachportal Scripta Paedagogica
Online (SPO) (vgl. BBF) sind die digitalisierten und detailliert mit
Metadaten beschriebenen Lexika (Ritzi 2003: 103ff.) bereits frei zugänglich.

Abb. 1: Rekonstruktion einer Wissensdomäne aus bibliografischen Daten

Ell et al. (2013) haben gezeigt, wie Bibliografische Daten zur Bildungsgeschichte in
die virtuelle Forschungsumgebung Semantic
CorA (vgl. German Institute for International Educational Research et al.)
zur semantischen Repräsentation und Analyse integriert werden können. Die digitalen
Dienste der Bibliothek für Bildungshistorische Forschung (BBF) können künftig über
die Bereitstellung von Daten hinausgehen und gegenüber den bestehenden Funktionen um
eine Wissens-Ebene erweitert werden (vgl. Oramas et al. 2014; Feng et al. 2005), um
die Bildungsgeschichte bei ihrer Hinwendung zu digitalen Methoden optimal zu
unterstützen.
Im hier dargestellten Ansatz werden bibliografische Titeldaten als Begriffe bzw. Entitäten konzeptualisiert, neu modelliert und semantisch angereichert. So können sie in bildungshistorischen Analysen ausgewertet oder als Datensets für Textanalysen verwendet werden. Diese zu Forschungsdaten transformierten Katalogdaten erweitern somit die Informationsinfrastruktur für die historische Bildungsforschung auf der Wissens-Ebene und stellen exemplarisch einen neuen bibliothekarischen Infrastrukturservice für Digital Humanities dar, der in der Erzeugung und Bereitstellung semantischer Vokabulare besteht.
Als Ausgangsmaterial liegen in SPO frei zugängliche METS / MODS-Metadatensätze
digitalisierter Nachschlagewerke und Lemmata im RDF / XML-Format vor. Mittels XSLT
können sie auf die für das Vorhaben relevanten Elemente reduziert und umgeformt
werden. Die als Wissenselemente betrachteten Titeldaten werden dabei aus der
Wissensdomäne Buch- und Bibliothekswesen in die Wissensdomäne historische
Bildungsforschung überführt. Die Ontologie wird als Linked Open Data (LOD) in RDF
aufgebaut.
Jedes Lemma wird im ersten Verarbeitungsschritt zum Deskriptor eines Konzepts, das
durch den zugehörigen Lexikonbeitrag definiert wird. Das Vokabular wird in SKOS (vgl. W3C 2012) modelliert,
indem die Instanzen umklassifiziert werden. In den Metadaten befindliche Identifier
für Katalogeinträge und digitale Dokumente werden mitgenommen und erhalten die
Beziehung zu den Quellen. Im folgenden Schritt werden die erzeugten Vokabulare so
überarbeitet, dass explizite Begriffsbeziehungen innerhalb jedes einzelnen
Nachschlagewerks abgebildet werden. Zunächst wird jedes Nachschlagewerk einzeln
transformiert. Anschließend werden die so entstandenen historischen Vokabulare zur
Pädagogik durch Terminologiemapping (vgl. Keil 2012) aufeinander bezogen.

Abb. 2: Schematische Darstellung des Transformationsmodells

Eine besondere Herausforderung stellen Erhalt und Darstellung des zeitlichen Wandels
von Sprachgebrauch und Kategorien dar. Für die Abbildung des Zeitbezugs wird jedes
Nachschlagewerk als Snapshot-Ontologie modelliert (vgl. Ide / Woolner 2007: 142;
Kauppinen / Hyvönen 2007). Jeder Begriff wird mit dem Erscheinungsdatum des ihn
beinhaltenden Nachschlagewerks assoziiert, welches als „Publikationsereignis“ im
Simple Event Model (SEM) (van Hage et al. 2011) modelliert wird (Abbildung 2). Da
die aus den Lexika extrahierten Lemmata viele Überschneidungen aufweisen werden,
sollen sie abschließend auch in einer einzigen Ontologie zusammengeführt werden
(vgl. Kalfoglou / Schorlemmer 2003: 4).
Im Ergebnis entsteht eine Ontologie zu historischen Begriffen der
Erziehungswissenschaft, die zur Nachnutzung in einem geeigneten
Forschungsdatenrepositorium publiziert wird. Damit die Zuverlässigkeit der Daten
gewährleistet und überprüft werden kann, werden auch Datensätze der Teilergebnisse
zusammen mit den Metadaten des Transformationsprozesses dokumentiert. Damit bleibt
jeder Verarbeitungsschritt replizierbar (Abbildung 3). Aus der neuen Datenbasis
lassen sich Versionen ableiten, die bspw. als Gazetteer für automatische
Entitätenerkennung, Entity Linking, Netzwerkanalysen oder visuelle Datenexploration
eingesetzt werden können.

Abb. 3: Workflow zur Transformation und Erzeugung von Daten- und Metadatensets

Bibliographie

Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF)
(o.J.): SPO. Scripta Pedagogica Online http://goobiweb.bbf.dipf.de/viewer [letzter Zugriff 12. Februar
2016].

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in: Garoufallou, Emmanouel / Greenberg, Jane (eds.): Metadata and Semantics Research. Cham: Springer International
Publishing 277–288.

Feng, Ling / Jeusfeld, Manfred A. / Hoppenbrouwers, Jeroen (2005):
"Beyond information searching and browsing: acquiring knowledge from digital
libraries", in: Information Processing & Management
41, 1: 97–120 http://conceptbase.sourceforge.net/mjf/itrs008.pdf [letzter
Zugriff 12. Februar 2016].

German Institute for International Educational Research /
Karlsruher Institute for Technology / Georg-August-Universität
Göttingen (o. J.): Semantic CorA
www.semantic-cora.org/ [letzter
Zugriff 12. Februar 2016].

Ide, Nancy / Woolner, David (2007): "Historical Ontologies", in:
Ahmad, Khurshid / Brewster, Christopher / Stevenson, Mark (eds.): Words and Intelligence II. Dordrecht: Springer
Netherlands 137–152.

Kalfoglou, Yannis / Schorlemmer, Marco (2003): "Ontology mapping:
the state of the art", in: Knowledge Engineering
Review18,1: 1–31 http://drops.dagstuhl.de/volltexte/2005/40/pdf/04391.KalfoglouYannis.Paper.40.pdf
[letzter Zugriff 12. Februar 2016].

Kauppinen, Tomi / Hyvönen, Eero (2007): "Modeling and Reasoning
About Changes in Ontology Time Series", in: Sharman, Raj / Kishore, Rajiv /
Ramesh, Ram (eds.): Ontologies. A handbook of
Principles, Concepts ans Applications in Information Systems. Boston, MA:
Springer 319–338.

Keil, Stefan (2012): "Terminologie Mapping: Grundlagen und
aktuelle Normungsvorhaben", in: Information - Wissenschaft
& Praxis 63, 1: 45-55 http://eprints.rclis.org/16716/1/Stefan%20Keil%20-TM%20Grundlagen%20und%20Normungsvorhaben-Repository.pdf
[letzter Zugriff 12. Februar 2016].

Oramas, Sergio / Sordo, Mohamed / Serra, Xavier (2014): "Automatic
creation of knowledge graphs from digital musical document libraries", in:
9th Conference on interdisciplinary musicology -
CIM14. Proceedings http://mtg.upf.edu/system/files/publications/CIM14_MAIN.pdf
[letzter Zugriff 12. Februar 2016].

Ritzi, Christian (2003): "Scripta Paedagogica Online : Digitales
Textarchiv zur Bildungsgeschichte des deutschsprachigen Raums", in: Thaller,
Manfred (ed.): Digitale Bausteine für die
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van Hage, Willem Robert / Malaisé, Véronique / Segers, Roxane /
Hollink, Laura / Schreiber, Guus (2011): "Design and use of the
Simple Event Model (SEM)", in: Web Semantics: Science,
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W3C = World Wide Web Consortium (2012): SKOS. Simple Knowledge Organization System Simple Knowledge
Organization System [letzter Zugriff 12. Februar 2016].

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DHd - 2016
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